Der alte Mensch werden

Die permanente Überlastung von Pflegekräften bedeutet die kalkulierte Vereinsamung von hilfebedürftigen Menschen!

Politische Paradoxität

In durchschaubarer Doppelmoral wurden im Jahre 2008 weit über 50.000 Pflegestellen abgebaut um diese im nachhinein wieder mit einem Versprechen über verhältnismäßig lächerliche 3 Milliarden € zu subventionieren und so im günstigsten Fall 21.000 „neue“ Stellen im Pflegebereich zu schaffen.

Mal eben 29.000 Menschen in die Arbeitslosigkeit gedrängt und dennoch der Öffentlichkeit vorgaukeln eine gute Tat vollbracht zu haben. Ein gängiges Konzept (schaffe Probleme um dann scheinbare Lösungen anzubieten) welches zum Zweck der politischen Wahl-Propaganda in vielen Bereichen der Arbeitsmarkt-Vernichtungspolitik eingesetzt wird, vor allem jedoch in der Altenpflege!

Geringfügige Beschäftigung

Hier unterschreiben bevorzugt „Geringfügige“, also Pflegekräfte die nicht in Vollzeit arbeiten, einen Arbeitsvertrag welcher ein selbst finanziertes Privatleben im vorhinein ausschließt. Teilweise sind es auch sogenannte Wochenendkräfte, die jeweils nur 14 tägig am Samstag und Sonntag arbeiten dürfen und aufgrund ihrer seltenen Anwesenheit eine unzureichende Identifikation mit dem ihnen zugeteilten Aufgabenbereich aufweisen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ihr Engagement verliert an Potential da sie immer wieder vor nicht zu bewältigen Belastungen stehen und zum hilflosen Helfen tendieren.

Soziale Betreuung wird seit 2008 vielfach von sogenannten „Betreuungskräfte nach §87b SGB XI“ übernommen, welche innerhalb eines 5 tägigen Betreuungspraktikum das ganze Repertoire an sozialer Kompetenz theoretisch eingehämmert bekommen.

Ihr Handlungsraum ist jedoch dermaßen eingeschränkt, dass ihre Leistung während einer Qualitätsüberprüfungen keine Berücksichtigung findet, obwohl sie zur Steigerung von Lebensqualität zusätzlich eingestellt werden.

Nun, es muss hier auch mal angemerkt werden, dass sich wirklich einige Pappnasen darunter befinden, wie der überlieferte Auszug eines Fall-Gespräches veranschaulicht:

  • PP: Der Bewohner hat früher in NRW gelebt.
  • 87b: Och, ich auch, wo denn da?
  • PP: Das weiß ich leider nicht!
  • 87b: In Düsseldorf?
  • PP: Das kann ich dir nicht sagen!
  • 87b: In Köln?
  • PP: Ich sagte doch, ich weiß es noch nicht!
  • 87b: In Remscheid?

Ausbildung von Fachkräfte

Die noch vielfach dogmatisierte Aussage: „Wahre professionelle Distanz“ – ist menschlich gesehen ein sozial integratives Desaster und führt entgegen vielfältiger Meinungen zu vorschnellen Erschöpfungszuständen, neumodisch gerne auch als „Burn-Out“ bezeichnet.

Dennoch lehren viele Altenpflegschulen diese berufliche Auffassung, welche die ganzheitliche Wahrnehmung eines alten Menschen in der Reflektion des eigenen Handelns negiert. In der Vorstellung einer professionellen Distanz (was auch immer das im direkten Umgang mit Menschen bedeuten mag) bleiben emotionale Erlebnisse und Erfahrungen unverarbeitet, stauen sich an, fördern die Bezugslosigkeit, entfremden vom eigenen Ich und führen somit ausschließlich zur Ich-Distanz – und da ist es, das Burn-Out.

Im Kontakt mit einem pflegebedürftigen Menschen ist es jedoch unabdingbar sich selbst wahrzunehmen um die Reaktion des eigenen Handelns folgerichtig zu interpretieren und im ganzheitlichen beobachten des Verhaltens Falschdeutungen auszuschließen. Daher wäre es von Bildungsvorteil statische Fächer wie Sozialkunde (historische Statistik ist keine individuelle Menschenkunde) bzw. Psychologie (Konditionierung führt oft zur pädagogischen Erziehung) anteilsmäßig mit philosophischen Betrachtungsweisen zu ergänzen.

Arbeitslosenfördernde Osterweiterung

Ein weiterer Punkt ist die fortschreitende Altenheimindustriealisierung mit ihrer Gewinn-Maximierungs-Moral. Billiglöhner werden vom Ausland angeworben (bevorzugt aus Polen, irgendwie sind da alle Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen) deren pflegerisches „Know-How“ wesentlich im erzieherischen Wirken besteht. Empathie bedeutet für sie oftmals Selbstmitleid und manische Kritik an Kollegen. Der zu pflegende Mensch spielt meist nur noch eine untergeordnete Rolle und ist ein notwendiges Übel um die Wartezeit bis zur nächsten Lohnzahlung zu überbrücken.

Original-Kommentar eines Heimleiter:

Um zu pflegen muss man doch kein deutsch sprechen können!

Orginal-Kommunikation einer polnischen Altenpflegehelferin zu einer deutschen pflegebedürftigen Frau:

przesuwania dupa kurwa

Pharmazeutischer Konsumwahn

Geschäftstüchtig gebärt sich auch die Pharmaindustrie. Milliarden-Gewinne werden eingeheimst auf Kosten gebrechlicher Menschen, wohl wissend das ein Großteil der verordneten und überteuerten Medikamente (mit vorzeitigen Verfallsdatum) in ihrer Wirkung noch nicht einmal ansatzweise an eine vitaminreiche Kost heranreichen, hier sei vor allem der Diabetes mellitus Typ 2 erwähnt sowie der Einsatz von ausschließlich sedierender Medikation bei verschiedenen Stadien einer Demenz bzw. an Alzheimer erkrankten Menschen. Psychopharmaka heilt nicht, führt jedoch zur Abhängigkeit und somit zur gewünschten Dauermedikation. Im günstigsten Fall werden hierdurch die kognitiven Fähigkeiten so stark reduziert, dass eine orale Nahrungsaufnahme nicht mehr möglich ist, in der Konsequenz bedeutet dies: eine zeitentlastende PEG – für die Pharmaindustrie der Jackpot schlechthin! Gewährt sie doch eine oftmals ungewollte Lebensverlängerung in Begleitung des üppigen Angebotes verschiedenster medizinischer Präparate.

Medizinischer Dienst der Kranken-Kassen

Die jährlich vom MDK durchgeführte Qualitätsbeurteilung eines Altenheims ist an konzeptloser Unglaubwürdigkeit nicht zu unterbieten. Eine scheinbar ermittelte Qualität eines Hauses schlägt sich in einer Schulnoten ähnlichen Bewertung nieder. Zu den Bewertungskriterien welche in einem zeitlichen Rahmen von ca. 8 Stunden per Bewohner-Zufallswahl zu 10% (maximal aber 8 Bewohner) ermittelt werden, zählen fast ausschließlich administrative Nachweise über das pflegerische Handeln. Dies bedeutet das sämtliche Dokumentation, teilweise doppelt oder dreifach geführt,…

Pflegeplanung, Demenz-Service, Lagerungs- & Bilanzierungsbögen, „lebende“ Biografien, engmaschig geführtes Berichtswesen, medizinische Verordungsbögen, BTM Dokumentation, Tropfenpläne & Kontroll-Listen, Leistungsnachweise, Erfassung des Sturzrisikos, Schmerzeinschätzung, Fixierungsbeschlüsse, Vitalzeichen-Kontrollen, Ausscheidungs-Dokumentation, WDM-Prüflisten, Kühlschrank-Prüflisten, Bedarfsmedikation, Hygiene-Verordungen, Nachweise über Standards, Nachweise über soziale Integration, Blister-System, Nachweise über Prophylaxen, Nachweise über Fallgespräche, Wohlfühlprotokolle… etc.

(demnächst werden noch Nachweise über zu führende Nachweise verlangt)

…für jeweiligen Bewohner im Fokus der Bewertung stehen. Ungeachtet der Tatsache das alleine für eine Neuanlage einer Pflegeplanung bis zu 10 Stunden veranschlagt werden (ohne die Evaluierungsintervalle zu berücksichtigen).

Eine nicht selten vergeudete Zeit die im zwischenmenschlichen Kontakt eine nicht mehr zu schließende Lücke hinterlässt, bei belobigter Vollständigkeit jedoch zum Schulterklopfen eines MDK-Kontrolleurs führt – na Danke!

Würde dieser MDK die alten Menschen wirklich berücksichtigen, so währe die Vollständigkeit der aufgelisteten Nachweise ein Hinweis darauf, dass es an paradiesischer Überirdigkeit grenzt, wenn das zu dokumentierende auch vollständig in der Praxis umgesetzt würde. Pflegerische Kompetenz wird somit aber auf ein theoretisch schriftstellerisches Talent reduziert, welches zu nichts weiteren führt als den Schein einer pflegerischen Kompetenz zu wahren. Schlussendlich sagt eine so ermittelte Benotung rein nichts über die wirkliche Qualität eines Altenheims und seinen Mitarbeitern aus.

Denn es ist tatsächlich möglich, je nach Gewichtung einer Note, pflegerische Mängel wie das hausinterne entstehen eines Dekubitus (Druckgeschwür, verursacht meist durch Personal- und Zeitmangel) mit Zeitungvorlesen auszugleichen, auch wenn jeweilige Bewohner derweil am schlafen ist!

Der Sozialpsychologe Tom Kitwood hat hier maßgebliche Überlegungen angestellt, wie mittels personenzentrierten Ansatz (Dementia Care Mappingim übrigen kein offizielles MDK-Bewertungskriterium) im Alltagsgeschehen unentbehrlich für das empathische Wirken eine kausal positive Entwicklung auf beiden Seiten des Pflegebereich wahrgenommen werden kann.

Trauriges Fazit

In der heutigen Zeit wo Aktualität vor Erfahrung gewichtet wird, in einer Zeit in der die wirtschaftliche „Geiz ist Geil“-Abzock-Mentalität gleichgewertet wird mit bedachter Handlungsfähigkeit, in einer Zeit in der Äußerlichkeit vor Charakter im öffentlichen Interesse steht, verliert sich eine unvergleichlich wertvolle menschliche Eigenschaft, die der Sensibilität gegenüber den anderen Menschen: Empathie!

Irgendwann trifft einen jeden von uns der Moment, in dem wir alltägliche Situationen nicht mehr als Normalität des Alltages betrachten- oder erkennen werden. Wir sind körperlich oder aber auch geistig nicht mehr fähig für uns selbst oder andere zu sorgen. Wir werden individuell Vergesslich, Gebrechlich, Inkontinent… Funktionslos.

Es wird die Zeit kommen in der…

  • …ich aufgefordert werde meine Notdurft im Bett liegend zu verrichten.
  • …meine Geruchsempfindung auf 3 Wahrnehmungen reduziert wird: Nahrung, Pflegemittel, Ausscheidung.
  • …ich Berührung nur noch über Zweckmäßigkeit erfahre: die der Hygiene.

Es wird der Moment kommen, an dem ich denken werde:

Ich will wieder Mensch sein, ich will sterben!

Soylent Green – Jahr 2022… die überleben wollen

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